www.boxhofer.at
Didaktik und Mathetik der Mathematik
1. Semester - Einführung und Grundlagen in die Didaktik der Mathematik
RECHNEN IST RELATIV. Mathematiker denken ja oft so eng! Und die Ängste,
die bei vielen Schüler/-innen durch Mathematik entstehen, hängen manchmal
mit diesem Korsett von Axiomen und allgemeingültigen Gesetzen zusammen.
Scheinbar unmissverständliche Gegebenheiten wie das Ergebnis einer
einfachen Division, sagen wir 29 : 3, entwickeln in unseren Gehirnen kreative
Denkformen, ohne die eine intellektuelle Entwicklung der Menschheit nicht
möglich wäre. Die Mathematik - und im Speziellen die Schulmathematik - ist
gut beraten, derlei kreative Ansätze nicht nur zu tolerieren, sondern auch zu
fördern und zu diskutieren.
Vorbemerkungen
(aus: Unser Lesebuch 5, Cornelsen, Volk und Wissen Verlag, Berlin 1997 - Illustration: Katharina Knebel)
Wie rechnen Sie eigentlich “Kopf”?
Und wenn man ganz schnell etwas gefragt wird, scheitert man manchmal auch an den einfachsten Aufgaben:
Ich möchte Ihre Vorstellungen von Mathematik erweitern – oder vielleicht auch wieder in Erinnerung rufen!
Unsere Wahrnehmung ist an Prozesse der Aufnahme und Organisation von Informationen aus der Umgebung
gebunden. Solche Prozesse nennt man auch datengeleitete oder Bottom-up-Prozesse. (Zimbardo, Psychologie
Berlin 1992)
Aber lassen wir das! Das folgende Beispiel zeigt sehr anschaulich was damit gemeint ist:
Da fällt Ihnen wahrscheinlich gar nicht so viel auf bei diesem Bild?
Außer, dass es auf dem Kopf steht! Aber drehen Sie einmal den Bildschirm um oder machen Sie einen Kopfstand!
Na gut! Es geht auch einfacher! Klicken Sie einmal auf das Bild!
Hoppala! Diese Häßlichkeit war vorher gar nicht zu erkennen.
Bedingt durch umfangreiche Erfahrungen sind wir sehr sensibel für subtile Unterschiede der Form und Lage von Augen und
Mund – aber nur wenn wir sie in der typischen aufrechten Form sehen.
Auch die Vorstellungen von mathematischen “Umgangsformen” haben sich sozusagen "eingespielt".
Betrachten Sie das nächste Bild! Wer könnte das sein? Machen Sie die Augen ganz klein - vielleicht fällt es Ihnen dann leichter!
Das unscharfe Betrachten eines Bildes ermöglicht erst das Erkennen der Gesamtstruktur. Unser Gehirn komplettiert die
Wirklichkeit. Mathematik kann nur erlebbar werden, wenn wir Denkprozesse strategisch in den Alltag transferien können.
Unser Gehirn ergänzt die Wirklichkeit trotz fehlender Teile zu einem Ganzen.
Wenn Sie analog telefonieren, werden die meisten Vokale nur unzureichend übertragen, trotzdem verstehen Sie die meisten
Wörter ohne Probleme.
Im Hebräischen werden Vokale nicht geschrieben, trotzdem kann man sie lesen.
Ähnlich verhält es sich mit dem folgenden Text:
“Ausmerksamkeit erregen” ist eine der Grundtugenden von spannendem Unterricht - und nicht nur dort.
Eine mathematische Aufgabenstellung könnte folgendermaßen aussehen:
Die Lnsuög lteuat: k2 = (k – 3) · k + 3 · k
Bei der Lösungsformel funktioniert diese “Lesefähigkeit” nicht. Hier können die Zeichen innerhalb der Formel nicht beliebig vertauscht
werden.
Lösungsstrategien sind manchmal unabhängig von “eingelernten” mathematischen Modellen.
Schulmathematik erschöpft sich manchmal in der Reproduktion von Modellen, die von den Schüler/-innen oft nicht verstanden werden.
Moderner Unterricht schließt neben diesen - natürlich notwendigen - mathematischen Modellen auch individuelle Lösungsstrategien mitein
und ermöglicht Querdenken im Sinne unorthodoxer Lösungswege.
Durch Umlegen eines einzigen Streichholzes soll die Gleichung richtig werden. Das Gleichheitszeichen dürfen Sie nicht
verändern. (Die Lösung erfahren Sie durch Anklicken.)
Können Sie den Fehler finden?
Führen Sie die Zahlenreihe richtig weiter und
finden sie die Funktion dazu:
1
11
21
1211
111221
312211
13112221
1113213211
Die Speicherung von Informationen, Hirnvernetzungen, die Kraft der Assoziationen und das Verfügen über den
Wissensspeicher in unseren Gehirnen - all diese Fähigkeiten stellen sich zum Teil erst nachgeburtlich ein.
Die Verarbeitung sprachlicher Informationen wird überhaupt erst in der Pubertät abgeschlossen.
Auch wenn die ersten Lebensjahre im Sinne einer Prägung wichtiger sind als alle weiteren, bedeutet das nicht, dass nicht auch
eine Steigerung von Intelligenz im weitesten Sinn und ein Erlernen zielführender Strategien zur Bewältigung unseres Lebens
möglich ist.
Die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns ist beschränkt.
Ein Problem in Sekundenschnelle zu lösen, gilt als bessere Leistung, als wenn man dafür Stunden oder Jahre benötigt. Die
Evolution hat zwar glanzvolle Errungenschaften vorzuweisen - allerdings in welchem Zeitraum?
Werden wir bald Maschinen bauen, die intelligenter sind als wir?
Kann Gott einen Stein erschaffen, der so schwer ist, dass er ihn selbst nicht mehr heben kann?
Algorithmen werden ständig in kreativer Weise neu erschaffen.
Denken lässt sich auch im Kontext der Begriffe richtig, wahr und sicher betrachten.
Wahrheit verlangt keine Widerspruchsfreiheit im Sinne aristotelischer Axiome - Richtigkeit schon (zumindest im
mathematischen Sinn) - sicher sind die überprüften Naturgesetze (vorausgesetzt, die Messinstrumente sind richtig oder wahr
oder sicher oder .....)
Denken und Denkstrategien werden meist im Zusammenhang mit klassischer Problemlösung betrachtet.
Problem - Analyse des Problems - Lösungsstrategie - Umsetzung der Strategie - Lösung des Problems (oder auch nicht) - neue
Strategie, vielleicht neue Analyse des Problems.
.....und Leben ist mehr als der Laplace´sche Dämon meint, der alles berechenbar wähnt.
Unser Gehirn kann ca. 126 Informationsbits pro Sekunde verarbeiten - zumindest was unsere bewusste Aufmerksamkeit betrifft.
Wenn jemand mit uns spricht, werden bereits 40 Bits benötigt. 86 bleiben dann für Sinneseindrücke übrig. John von Neumann
berechnete, dass das menschliche Gedächtnis - oder heißt es Gedächnis ohne t - 280 Trillionen Bits speichern kann.
Menschliches Denken ist also auch in seiner Gesamtheit beschränkt - in Form von Aufmerksamkeit sowieso.
Konzentration erfordert Abschottung und sollte möglichst viel von diesem Bit-Reservoir zur Verfügung haben - also Stöpsel in
die Ohren!
Synapsen - Dentriten - Axone - Neuron - Gliazellen.
Denken ist ein Spiel mit Kombinationen:
Bilder aus der Erinnerung werden von Sinneserfahrungen umgeben, eingebettet in die visuellen Reize, die mit olifaktorischen
Eindrücken überlagert sind. Der ganze Eintopf wird gewürzt mit unseren emotionalen Kompetenzen und womöglich noch mit
muskulären Eindrücken verfeinert.
Daraus entsteht ein produktiver Denkprozess - der schmeckt, wenn man benutzt, was man braucht.
Denken ist Memorieren, ein Sich-etwas-merken.
Kennen Sie Shereshevesky? Egal! Der konnte sich folgende Silben, die keinen Sinn ergeben und völlig bedeutungslos sind,
ganz leicht und schnell einprägen und wusste sie 8 Jahre später immer noch auswendig.
ma va na sa na va na sa na ma va sa na ma va na va sa na va na ma na va na va na ma na ma sa ma va na sa ma sa va na
na sa ma va ma na
Probieren Sie das einmal nach 5 Minuten, wenn Sie sich die Silben überhaupt merken können.
Shereshevesky konnte auch keine mnemotechnischen Tricks anwenden. (Mnemotechnik ist das Verfahren, sich Dinge leicht
einzuprägen)
Linear und vernetzt ist unser Denken. Zusammenhänge auf einer Linie - die Linie im Netz -
ein Sturm im Gehirn = Brainstorming.
Links und rechts - Gehirnhälften im Widerstreit - oder besser im Zusammenspiel - besonders auch beim Denken! Die linke
Gehirnhälfte will Beamter werden, die rechte Rennfahrer - zumindest eine männliche rechte Hälfte!
Zwischenmenschliche Kommunikationsprobleme könnten daher rühren, dass wir unser Gegenüber mit der rechten Gehirnhälfte
betrachten, während wir sie mit der linken kontrollieren.
Was haben wir im Kopf?
Die einzelnen Regionen unseres Gehirns sind ziemlich dumm. Keine weiß alles! Erst das Zusammenspiel lässt im
konstruktivistischen Sinn die Realität entstehen. Denken hat mit Bewusstsein zu tun.
Biochemische Prozesse münden in ein Konstrukt der Wirklichkeit. Wie kommt die Welt in unseren Kopf?
Im Netzwerk des menschlichen Gehirns kann die Zerstörung auch nur eines einzigen weiterleitenden Nervenstrangs ein
Erinnerungssystem komplett ausschalten.
Manche Hirnforscher haben einen holistischen Ansatz und meinen, dass das Gehirn wie ein Hologramm funktioniert. Jeder
Gedächtnisinhalt ist gleichzeitig an mehreren Stellen präsent.
Denken ist ein Wunder.
Durch Denken wird die Wirklichkeit in der Hardware des Gehirns dargestellt. Die Symbolik spielt dabei eine große Rolle. Die
Dinge der Wirklichkeit erfahren eine symbolische Abbildung in unserem Gehirn.
Wir bilden komplexe Module für bestimmet Denkanstrengungen und wir haben Schwierigkeiten Symbole zu entwirren. Ohne
Schleifen und Rekursionen sind Lösungsansätze größerer Komplexität nicht möglich.
Denken ist anstrengend.
Dechiffrieren von verschlüsselten Texten oder auch das Knacken von Codes oder auch das Verstehen von Hieroglyphen
verlangt kreative Denkansätze.
Stellen Sie sich vor, Sie hätten Bücher einer Sprache, die Sie nicht verstehen, von deren Grammatik Sie nichts wissen. Wie
würden Sie beginnen? Welche Strategie würden Sie anwenden.
Das Hirn im Bauch. Aus dem Bauch denken. Sich aus Angst in die Hose machen - wo Angst doch im Gehirn passiert. Darm und
Hirn schauen so verschieden nicht aus.
Dinosaurier vor 60 Millionen Jahren hatten ein zweites Gehirn in der Bauchgegend - wirklich. Nicht über den gesamten
Verdauungsapparat verteilt, sondern als großen Klumpen, so wie im Kopf - beim Brontosaurier sogar größer als dort.
Unser Gehirn arbeitet nicht perfekt - leider.
Komplexe, vernetzte und dynamische Handlungssituationen zwingen das Gehirn zu Fehlern.
Ebenso das "Denken in Wahrscheinlichkeiten".
In komplexen Systemen denken wir an die einzelnen Knoten und vergessen das Netz.
Wir beachten nicht, dass man keine Größe im ganzen System verändern kann, ohne gleichzeitig alle anderen zu beeinflussen.
Dietrich Dörner zeigt in "Die Logik des Misslingens" an Beispielen aus den verschiedensten Gebieten, warum unser Denken so
leicht scheitert und wie man strategisches Denken in komplexen Systemen doch methodisch anpacken und bewältigen kann.
Was hat das alles mit “Mathematik lehren” zu tun? Sie werden schon noch sehen!